Das Märchen vom Accent circonflexe

Vor langer Zeit, im alten Reich der Franken, lebte ein aufrechtes E direkt neben einem schmuckvoll geschwungenen S. Schon seit Menschengedenken wohnten die beiden beisammen, ja sogar zur Zeit der Römer, als man in Gallien noch Lateinisch sprach, waren sie schon unzertrennliche Nachbarn gewesen. In Frieden und Harmonie standen sie in zahlreichen Wörtern nebeneinander.

Doch gegen Ende des Mittelalters wurde es ungewöhnlich heiß. Die Sonne brannte gnadenlos vom Himmel, und das arme S begann zu leiden. Die Tinte zerfloss langsam in der Glut des Tages, und kaum merkbar schrumpfte der Konsonant – immer kleiner wurde er, bis man ihn kaum noch erkennen konnte. Schließlich verschwand er ganz, ausgelöscht von der Hitze.

Das E, das direkt daneben stand, beobachtete das traurige Geschehen. Doch es war ein kluges und einfallsreiches Zeichen. Um sich selbst vor dem gleichen Schicksal zu schützen, erfand es rasch ein kleines, spitzes Dach – wie ein Hütchen – das es sich auf den Kopf setzte.

Unter diesem Dach herrschte ein angenehmer Schatten; ein Hauch magischer Kühle wehte dort – gerade genug, um das E vor dem Schmelzen zu bewahren. Fortan konnte ihm weder Sonne noch Zeit etwas anhaben.

Weil es sich unter seinem Dach so sicher und geborgen fühlte, gab das E seinem neuen Begleiter auch einen Namen: accent circonflexe – der Zirkumflex.

Und wenn du heute im Französischen über einen Vokal mit einem kleinen Dächlein stolperst, dann denk daran:  Vielleicht stand dort einst nebenan ein S – doch es ist in der Hitze der Geschichte einfach dahingeschmolzen.

 

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